Friedrich Wilhelm Weber Gesellschaft
Übersetzungen


Beachtung verdienen auch Friedrich Wilhelm Webers  Übersetzungen, vor­nehmlich aus dem Englischen, Schwedischen und Däni­schen, einzelne auch aus dem Norwegischen, Schottischen, Isländischen und Französischen. Seine  guten Kenntnis der Originalsprachen sowie sein ausgeprägtes Gefühl für den Vers waren Grundsteine für  höchst exakte Übertragungen
in die deutsche Sprache  und einfühlsame Nach­dichtungen. Sein besonderes Interesse galt dem Viktorianer Sir Alfred Tennyson (1809-1892). Mit ihm teilte Weber  die Auffas­sung  einer
moralischen Verpflichtung der Kunst. Von der Beliebtheit des englischen Autors zeugen Webers viel beachteten  Übersetzungen der lyrischen Erzählungen Enoch Arden, einem tragischen Idyll und Aylmers Field (1869), sowie  Maud  (1874). Diese dichterischen Arbeiten Webers stellen eine  Verbindungen zwischen der viktorianischen Literatur und dem deutschen Realismus her.


                         

                                                            A. Tennyson


Im Tale von Cauterets

Englisch von Tennyson

All das Tal hinunter, Strom, der schimmert und blinkt,
Dessen Stimme tiefer sinkt mit der Nacht, die sinkt;
All das Tal hinunter, längs deinem rauschenden Strand,
Ging ich vor zweiunddreißig Jahren an teurer Hand.

All das Tal hinunter wandelt' ich heute wieder:
Zweiunddreißig Jahre sanken wie Nebel nieder.
All das Tal hinunter, dein felsiges Bett entlang,
Ward zur Stimme der Toten mir dein lebendiger Klang.

All das Tal hinunter, aus Baum und Grotte und Klippe
Hört' ich die Stimme der Toten, wie von lebendiger Lippe.


   


Zur  skandi­navischen Literatur fühlte sich Weber seit seiner Studienzeit besonders hingezogen. Neben Esaias Tégners (1782-1846) Kurzepos Axel übersetzte er mit viel Feingefühl auch  Gedichte des schwedisch-finnischen Dichters Johann Ludwig Runeberg (1804-1877). Weber schätzte überaus  dessen realistische Menschengestaltung. Runebergs echtes Naturgefühl sprach Weber als Naturliebhaber in besonderer Weise an.
Auch  Gedichte des bürgerlichen Humanisten und dänischen Lyrikers Adam Gottlob Oehlenschläger (1779-1850) wurden von Weber ins Deutsche übertragen.


                                    
                                                     E. Tégner                                

Zu lange schon

Schwedisch von E. Tégner

Gedenkst du noch der schönen Stunden,
Der allzu schnell entwichnen Zeit,
Als unsre Herzen sich gefunden
Und schwelgten in Glückseeligkeit?
Ein Gott nur weiß, wie meine Tage
Seitdem in banger Sehnsucht flohn:
Er hörte meine leise Klage
Zu lange schon, zu lange schon.

O sprich, warum ward plötzlich trübe
Und kalt dein einst so trunkner Blick?
Zur Freundschaft bleichte deine Liebe
Und zur Erinnerung mein Glück.
Zwar durft' ich deine Hand noch fassen,
An deiner Brust - o bittrer Lohn! -
Mich meinen Tränen überlassen,
Doch lange schon, zu lange schon.

Nun will mich auch die Freundin fliehen?
O du, die mich im Traum umschwebt,
Hauch in der Asche mattes Glühen
Und flüstre tröstend: "Fünkchen lebt!"
Laß uns erneun die sel'gen Tage,
Die sonnenklar vorüberflohn,
Und küsse mich, indes ich klage:
Zu lange, allzu lange schon!


                             
                                                  Johann L. Runeberg

An der Quelle

Schwedisch von Runeberg

Ich sitze, Quell, an deinem Rand,
Die Wolken seh' ich wehn,
Wie sie, geführt von Geisterhand,
Durch deinen Spiegel gehn.

Die eine kommt, die lacht und glüht,
In Rosenglanz getaucht.
O weile doch! Umsonst! Sie flieht,
Zerronnen und verhaucht!

Nun eine andre! Strahlenhell
Und feurigflammt ihr Saum;
Ach, gleich der Schwester ist sie schnell
Verschwunden wie ein Traum.

Noch eine! O die schwebt so sacht,
So trüb und schauerlich!
Und dieser Wolke düstre Nacht
Verdüstert, Quell, auch dich.


Ich denke, seh' ich dich, o Quell,
Des eignen Herzens mit:
Wie manche goldne Wolke schnell
Auch ihm vorüberglitt.

Wie manche, die vorüberfuhr,
Mein Herz mit Gram umfing;
Wie sie so jählings kam und nur
So langsam wieder ging.

Ach, Licht und Dunkel, Lust und Pein
Die wechseln immerzu!
Mein Quell, wann hält dein Spielen ein,
Mein Herz, wann hast du Ruh'?


Im Jahre 1872 veröffent­lichte Friedrich Wilhelm Weber eine Sammlung Schwedische Lieder mit ihren Singweisen.



               

Mit Recht darf behauptet werden, dass Weber  zu den bedeutendsten Vermittlern skandinavischer Literatur im Deutschland des 19. Jahrhunderts gehört. Gemeinsam  mit Ferdinand Freiligrath ist er Westfalens fruchtbarster Übersetzer fremdsprachlicher Literatur.

(vgl. Winfried Freund, Friedrich Wilhelm Weber, Das literarische Profil einer Region, Paderborn 1989, S. 24f)


Im ersten Band Gesammelter Dichtungen belegen eine Vielzahl von einfühlsamen Übersetzungen Webers Weltoffenheit. Neben den bereits ganannten Tennyson, Tegner, Runeberg und Oehlenschläger finden wir dort Übersetzungen von Ingemann, Christian Winther, Fr. Höeg-Geldberg,  H. P. Holst, Nicander, Grafström, Vitalis, Afzelius, Erik Gustf Geijer, Welhaven, Cornwall, Trench, Thomas Moore, Felicia Hemans oder Sara Adams.


Thomas Moore

Vergangene Tage

Englisch von Thomas Moore

Oft in der stillen Nacht,
Eh des Schlummers Band mich umsponnen,
Gern denk' ich an Licht und Pracht
Von Tagen, die längst verronnen;
An Lachen und Leid
In der Kinderzeit,
An Worte, die Liebe gesprochen;
Glutaugen, die blind und erloschen sind,
Und Herzen, die nun gebrochen. -
So in der stillen Nacht,
Eh des Schlummers Band mich umsponnen,
In Trauer denk' ich der Pracht
Von Tagen die längst verronnen.

Und schwingt dann die Kette sich
Der Freunde in meine Gedanken,
Die nach und nach um mich
Wie Blätter im Herbstwind sanken
Dann dünk' ich mich fast
Ein einsamer Gast
Im Festsaal nach dem Feste;
Die Lichter sind fort,
Die Kränze verdorrt,
Verschwunden die anderen Gäste.
So in der stillen Nacht,
Eh des Schlummers Band mich umsponnen,
In Trauer denk' ich der Pracht
Von Tagen, die längst verronnen.