Friedrich Wilhelm Webers literarische Arbeiten entstanden
ähnlich wie bei den im gleichen Jahrzehnt geborenen
großen Realisten Gottfried Keller und Theodor Storm neben
einer mit grosser Sorgfalt wahrgenommenen Berufspraxis.
Seine literarischen Anfänge finden wir in seiner Gymnasial-
und Studienzeit. Die Dichtungen bis in die vierziger Jahre
des 19. Jahrhunderts stehen noch im Zeichen der
Nachahmung bekannter Vorbilder wie Ferdinand
Freiligrath, Heinrich Heine und vor allem Ludwig Uhland,
dem Weber 1862 einen lyrischen Nachruf widmete (siehe
unten).
Seinen eigenen, akzentuiert lehrhaften Ton schlägt Weber
erst in den Gedichten seit den fünfziger Jahren an. Dabei
spielt sein Selbstverständnis, sich zuerst als Arzt und nie als
Dichter im Hauptberuf gefühlt zu haben, eine wesentliche
Rolle. Webers Gedichte, sind Ausdrucksformen sittlicher
Grundüberzeugungen. Sie begleiten sein praktisches
ärztlichen und sozialpolitisches Handeln in einer sich
dramatisch ändernden Welt. Dichtung als zuerst ästheti
sche Gestaltung lag ihm fern, sie erwuchs aus seinem
Umgang mit seinen Mitmenschen und Patienten. Sie wollte
auf sie zurückwirken.

Für Weber bilden körperliches und geistiges
Wohlbefinden eine untrennbare Einheit.
Immer wieder bringt der Dichterarzt seinen Lesern die
heilende Medizin tätiger Nächstenliebe nahe, er vermittelt
geistigen Sinn in einer Zeit, in der Sinnleere - Viktor
Frankl spricht von der noogenen Neurose - um sich greift.
Geld und Macht regieren in der Zeit der frühen
Industrialisierung die Welt. So ist es denn auch kaum
verwunderlich, wenn es Versuchen Webers in liedhafter
Lyrik gelegentlich an Überzeugungskraft mangelt. Leicht
strömende Empfindung und empfindsame Musikalität
waren seinem reflektierenden, ernsten Wesen, das sich an
den Pflichten des Alltags orientierte, eher fremd. Als
praktizierender Arzt sah er sich täglich mit in den
Notwendigkeiten des Lebens konfrontiert. Weber konnte
ihnen nicht spielerisch, ästhetisch, begegnen: Er blieb als
Realist oftmals bei der direkt formulierten Anweisung für
eine sinnvolle, moralisch Lebenspraxis stehen.
Julius Schwering beschreibt das Wesen des beliebten
Arztes so: "Der Mensch in Weber erschien mir noch
bedeutender als der Dichter." Ähnlich ergeht es - soweit
wir den Menschen überhaupt vom Dichter trennen können
- wohl jedem, der sich in seine Gedichte vertieft. "So
sehr wir uns an ihrem poetischen Reiz erfreuen, ebenso
bezwingt uns das edle, kernige Menschentum, das sich in
ihnen widerspiegelt", beschreibt Wilhelm Limper seine
Begegnung mit Webers Spruchdichtung. "Die reine Lyrik",
so Schwering, "das schlanke Lied, das leicht und
ungehemmt aus der Brust emporsteigt und mit wenigen
dürftigen, verzitternden Klängen einen Chor von
ahnungsvollen Stimmen in unserm Gemüt wachruft, ist
nicht sein Gebiet. Webers Stärke beruht in der
betrachtenden Lyrik, die bei ihm aber immer aus dem
quellenreichen Strome tiefer Empfindung schöpft."
Bedenke,was du heute tust
Bedenk auch, was du morgen mußt;
Zumeist bedenke, deinem Leben
Durch Arbeit Kern und Halt zu geben
Ein Leben ohne Arbeit gilt
Nur was ein Rahmen ohne Bild.
Als guter Arzt wußte Friedrich Wilhelm Weber natürlich
um die Verbindung von Körper, Geist und Seele. Täglich
erfuhr er in seiner Praxis, dass notwendig der Körper
leiden muss, wenn Geist und Seele kein lohnendes Ziel
vor sich haben, nichts, was sie formen und gestalten,
nichts, an dem sie arbeiten und festhalten können. Sein
fundamentaler Auftrag an den Menschen lautet
sinnstiftende Arbeit.
In Friedrich Wilhelm Webers Spruchdichtung finden seine
Leser so ein psychosomatisches Heilprogramm.
Die Welt ist voller Gottessegen
Willst du ihn haben, er ist dein:
Du brauchst nur Hand und Fuß zu regen,
Du brauchst nur fromm und klug zu sein.
Sein schlichtes, sich im sozialen Dienst erfüllendes Ethos
der Arbeit, setzt er einer Welt entgegen, die im Zuge der
sozialen Umwälzungsprozesse der Industrialisierung sich
zunehmend auf kapitalistische Irrwege begibt:
Was zögerst du zu kommen, Antichrist,
Da alle Welt nach Gold so hungrig ist?
Du hast das Erz zu stillen Lust und Gier:
Gib ihr dein Gold, die Welt ergibt sich dir.
Feil ist sie feil! Was säumst du? Steig herauf:
Du hast, solang sie steht, nicht bessren Kauf!
Feil ist das Recht, wohlfeil Altar und Thron;
Und wenn der Heiland jetzt auf Erden ginge,
Verriete mancher Bube Gottes Sohn
Für weniger als dreißig Silberlinge.
Der Schrei nach immer mehr Besitz und Geld erstickt fast
den leiseren Ruf nach Zuwendung und Wärme. Die Liebe
zum Nächsten gilt weniger als das materielle Gut, Geld
steht allemal höher im Kurs als der Mitmensch.
Umdenken tut not. In seiner Spruchdichtung reflektiert
Weber aus christlicher Sicht die sittlichen Möglichkeiten
des Menschen im Zeitalter der frühen Industrialisierung
und die damit verbundenen Schwächen seiner Zeit. Das
Ausdrucksspektrum in Webers Spruchdichtung ist
vielgestaltig und reicht vom direkt Normativen bis hin
zum indirekt Satirischen.
Friedrich Wilhelm Webers epische Dichtung entsteht aus
der Einbindung der sittlichen Lehre in veranschaulichende
Handlungszusammenhäng oder aus deren Verkehrungen.
Sowohl in der der Ballade als auch im Epos ist die
Bindung an den Vers hervorstechendes Merkmal.
Weber thematisiert in seinen Balladen und Gedichten
immer wieder die vorbildliche Menschlichkeit, fussend auf
einem christlichen Weltbild, sowie ihre Gefährdung und
Verletzung durch Macht und Gewalt. Er gründet auf die
Hoffnung eines wachsenden Einflusses der Humanität, die
in seinen Balladen immer wieder als konkrete Sehnsucht
spürbar wird. Webers Stilmittel sind die distanzierende
Erzählhaltung sowie die häufige historische Einkleidung,
die aus abstandnehmender Perspektive die Gegenwart
für den Leser durchschaubar zu machen.
Oft sind es auf den ersten Blick eher banale Vorfälle, mit
denen der Dichter die Menschlichkeit in einer alltäglichen
Miniatur spiegelt. Für Weber muss sich ein von Grund auf
menschliches Verhalten im kleinsten Lebensausschnitt
bewähren.
Um den gefährdenden und verletzenden Einfluß der
Macht geht es bei Friedrich Wilhelm Weber immer dann,
wenn seine Balladen in die Geschichte ausgreifen. Der
kleine Mann ist der Willkür der anmaßenden Herrschaft
ausgesetzt, am Einzelschicksal tritt die Anmaßung
herrschafticher Gewalt in ihrer ganzen Unmenschlichkeit
zutage.
In seinen Balladen spricht er die Sehnsucht nach dem
Idealzustand unmittelbar aus, sie wachsen oftmals ins
Mythisch-Sagenhafte.

Deutlich fallen im kritischen Vergleich mit der Balladen-
und Spruchdichtung die geistlichen Dichtungen Webers
ab. Sie sind Auftragsarbeiten, die er nach der
Veröffentlichung des "Erfolgs-Epos" Dreizehnlinden nur
mit gewissen Vorbehalten ausgeführt hat. Die
Marienblumen (1885) , Das Vaterunser (1887) und
Das Leiden unseres Heilandes (1892) sind
gebunden an bildnerische sowie religiöse und
konfessionelle Vorlagen. Das "Vaterunser", mit Stichen
von Paul Thumann recht ausgestattet, wurde für
evangelische Christen mit Luthertexten, für die
katholische Ausgabe mit Dichtungen von Weber
angeboten.

Webers geistlichen Dichtungen sind Verse nicht ohne
eine gewisse frömmelnde Süßlichkeit, die dem
didaktischen Weberschen Stil nicht gerecht werden. So
zieht denn auch zuerst die verschwenderische bildnerische
Ausgestaltung der klassizistischen Prachtausgaben die
Aufmerksamkeit auf sich. In aller Bescheidenheit ahnte
Weber die Diskrepanz durchaus. Mit Blick auf die
"Marienblumen" schreibt er im Juni 1885: „... wie
trübselig werden sich meine armen Reime unter all den
bunten Blumen und Ranken, Schnörkeln und Arabesken
ausnehmen, bleiche, lumpige Bettelkinder auf Mar
mortreppen."

Friedrich Wilhelm Webers literarisches Schaffen hat unterschiedliche Ergebnisse gehabt, da in seinem gesamten Tun die ärztliche Hilfe unbedingte Priorität besaß und er seine poetischen "Erzeugnisse" eher als das Ergebnis einer Nebenbeschäftigung ansah. Ihm sind seine Gedichte nach eigenen Worten vielfach "von aussen zugefallen", ohne sich besonders um sie bemühen zu müssen. Sie sprangen ihm gleichsam wie "Funken vom Amboss."
Über eine Veröffentlichung seiner Dichtungen hat Friedrich Wilhelm Weber bis 1878 nicht nachgedacht und schrieb einzig für sich, quasie als Therapie seines immer währenden Wettstreits mit Leben und Tod, für seine Familie und seine Freunde. Erst nach dem ungeahnten Erfolg "Dreizehnlindens", der ihn über Nacht in die vordere Reihe der zeitgenössischen Dichter spülte, gab er 1892 seine Gedichte heraus. 2 Jahre nach seinem Tod erschienen seine "Herbstblätter" als Vermächtnis an seine Verehrer. Seine Tochter Elöisabeth und ihr Bruder Friedrich Wilhelm Weber jun. veröffentlichten die gesammelten Werke ihres Vaters in einer dreibändigen Gesamtausgabe. Durch die politischen Wirren der zwanziger Jahre verarmt, sah Elisabeth Weber in der Herausgabe weiterer Gedichtbände wie den Herrgottsblumen und Spruchweisheiten eine Möglichkeit, wirtschaftlich in schweren Zeiten zu überleben. Die zahlreichen Gedichte Webers sind für Wilhelm Limper ein Geschenk voller Lebensweisheit, das die Menschen unmittelbar anspricht. Er veröffentlicht Mitte der fünfziger Jahre einen Gedichtband im Verlag Regensburg in Münster. Johannes Heinemanns "Friedrich Wilhelm Weber Gedichte, Eine Auswahl" gibt er 1976 den Weberfreunden an die Hand.

Eine Reihe von Weber-Gedichten wurden im Internet veröffentlicht.
Sie finden
- Am Amboss
- Beim Tode meines Bruders
- Der Handschuh
- Uhlands Tod
im Projekt Gutenberg,
- In der Winternacht
- Ein neues Jahr
im Gedichte-Garten,
- Am Amboss
- Uhlands Tod
in Lyrik - Welt,
- Spruchdichtungen
- Am Amboss
bei Otium,
- Christbaum
unter Weihnachtsgedichte.de.

(vgl.: Winfried Freund, Friedrich Wilhelm Weber, Das literarische Profil einer Region, Paderborn 1989, S. 14 ff, Wilhelm Limper, Friedrich Wilhelm Weber, Gedichte, Münster 1956, S.13f, Julius Schwering, Friedrich Wilhelm Weber, Sein Leben und seine Werke, Paderborn 1900)