Friedrich Wilhelm Weber Gesellschaft
Goliath


                          

Webers zweites Epos Goliath spielt  in Südnorwegen und ist zeitlich als auch räumlich weniger verfremdet als Dreizehnlinden. Es ist vier­zehn Jahre nach dem grossen Friedensepos erschien und greift die Erzählung eines authentischen Falles durch den norwegischen Landschaftsmaler Magnus von Bagge auf.

Goliath  ist die Geschichte der wohlhabenden Bauerntochter Margit und des Waisen Olaf, der wegen seiner Körpergröße Goliath genannt wird. Durch eine Naturkatastrophe verlor er früh seine Eltern.  Nach Jahren hält er um die Hand Margits an, wird aber als Habenichts vom besitz­stolzen Bauern zurückgewiesen. Olaf muss das Gehöft, das ihm seit Kindestagen Geborgenheit und Auskommen schenkte, verlassen. Fortan lebt er in Einsamkeit an  einem See. Hier besucht ihn  jeden Sommer Margit.  Sie fühlt sich  jedoch auch nach ihres Vaters Tod  an ihr einmal gegebenes Versprechen gebunden ,  niemals Olaf zu hei­raten.


                                      


Ähnlichkeiten zu Storms Immensee und Hans und Heinz Kirch oder zu Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe sind erkennbar: Ob bei Weber, Storm oder Keller,  die Liebe scheitert am materiellen Egoismus der Eltern. Durch die Industrialisierung und die Entfaltung des Großgewer­bes gehen die Bürger neue Wege. In dem Maße jedoch, wie der Mensch dem äußeren Reichtum verfällt, verarmt er innerlich,  unfähig,  zu lieben und zu verste­hen.

Weber verfolgt als Reichstagsabgeordneter mit Sorge das politische und soziale Geschehen. Seine Enttäuschun­gen über die  materialistischen Entwicklungen nach der Reichsgründung klingen in seinem Epos Goliath unüberhörbar an.  Zutiefst menschlich unbefriedigt steht der Politiker und Dichter dem Materialismus der Gründerjahre gegenüber.

Anders als in Dreizehnlinden, wo sich Elmar und Hildegunde finden, kommt es für Olaf und Margit nicht  zur Liebeserfüllung. Zu erdrückend sind die Einflüsse von Gier und Macht, die in die intimsten Bereiche eindringen und die Lebensverhältnisse nachhaltig beeinflussen. Der christliche Optimismus weicht Skepsis und Ernüchte­rung. "In der Problematik des vierten Gebots spiegelt sich weniger christliche Orientierung als viel­mehr deren zeitbedingte Verkehrung. Margit fühlt sich an das Versprechen ihrem Vater gegenüber zeitlebens gebunden in einer Geschichtsphase, die durch die starre Ausübung der Befehlsgewalt von oben nach unten gekennzeichnet war, ungeachtet der Gegenseitigkeit, die den Kern gerade des in Frage stehenden Gebots ausmacht," reflektiert Winfried Freund den Zeitgeist, den Weber in die epische Handlung einpflicht. Beschwor  Weber in Dreizehnlinden noch den Geist des christlichen Humanismus als Vermächtnis und Ver­pflichtung für die Zeitepoche nach1870/71, so  konfrontiert er im Goliath mit dem wachsenden  Wirtschaftsegoismus der Gründerzeit und der starren  Staatsautorität Preussens und verweigert eine menschlich zufriedenstellende Lösung.



                                  


Aber auch das Epos vom Goliath ist nicht ohne Hoffnung. Einleitend  entwirft Friedrich Wilhelm Weber  das Bild vom Idyll des Zusammenlebens einer glücklichen Ehe und der menschlichen Harmonie in  Olafs Familie. Einleitung und Erzählkern stehen sich in diesem Weberepos wie das Paradies und dessen Verlust durch den Sündenfall  krass gegenüber. Der Verlustschmerz weckt die Sehnsucht nach Wiedergutmachung. Olafs Eltern stehen symbolisch für die  ideale Ehe- und Familie, in deren prinzipieller Erneuerung der Zentrumspolitiker aber auch der Arzt  Friedrich Wilhelm Weber die fundamentale Chance sieht, formale Autorität und Egoismus   als die größten Widersacher der Liebe zu überwinden. Weber weiss aus persönlicher Erfahrung seiner eigenen glücklichen Ehe und Familie, dass sie der Ort ist, an dem die positive Wandlung stattfinden muß. Der diese glückliche Lösung beharrlich verweigernde Ausgang spiegelt jedoch seine wachsende Skep­sis und die reale Bedrohung von Ehe und  Familie in einer antichristlichen, industriell entfremdeten Welt. In seinem fragmentarischen Zustand fordert das Epos Goliath  den Leser heraus.

(vgl. Winfried Freund, Friedrich Wilhelm weber, Das literarische Profil einer Region, Paderborn 1989, S. 21ff)


                                                      


Eine kurze Inhaltsangabe von Elisabeth Affani ist unter dem Link "Geschichte" auf der Internetpräsenz der Friedrich-Wilhelm-Weber Realschule Bad Driburg zu lesen.