Das Versepos "Dreizehnlinden" begründet 1878 den Ruhm Friedrich Wilhelm Webers als Dichter. In eindrucksvoller Dimension entfalten sich in ihm die Themen Frieden und Toleranz. Im späten 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte das Westfalenepos zu den Bestsellern und galt als das Hausbuch seiner Zeit. Bis heute wurde "Dreizehnlinden" in annähernd dreißig in- und ausländischen Verlagen über 2500000 Mal verkauft. Was unseren Großeltern und Eltern noch lieb und wert war und bis zur Zeit der Hitler-Diktatur einen festen Platz in den Lehrplänen deutscher Schulen besaß, ist im Wirtschaftswunder ebenso wie Weber selbst außerhalb Westfalens nicht zuletzt durch einen überdauerten Sprachstil leider gründlich in Vergessenheit geraten. Die große Schar der Bewunderer ist geschwunden. Dabei besitzt "Dreizehnlinden" eine Botschaft, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat: die Botschaft der Überwindung von Gewalt durch die Liebe.

Die Geschichte von "Dreizehnlinden" spielt im westfälischen Nethegau 822 und 823, der Regierungszeit Ludwig des Frommen, Sohn Karls des Grossen. Sie erzählt in 25 Gesängen die Liebesgeschichte des Sachsen Elmar, im heidnischen Glauben aufgewachsen, zum Hass gegen die invasorischen Franken erzogen und der Christin Hildegunde.
In prägnanter Form skizziert Elisabeth Affani 2002 den Dreizehnlinden-Inhalt für die
Friedrich-Wilhelm-Weber-Realschule in Bad Driburg.
Als titelgebendes Kloster wählte Friedrich Wilhelm Weber die Abtei Corvey bei Höxter an der Weser.
Das Epos ist in vierhebigen, gereimten Trochäen geschrieben.

Hervorstechend ist gleich zu Beginn die von Weber gewählte Jahreszeitensymbolik. Nach der winterlichen Erstarrung liegt Frühling über dem Nethegau. Nach langen Wintermonaten keimt Hoffnung auf neues Wachsen und Werden auf, aber auch die Hoffnung auf das Überwinden des erstarrten heidnischen Sachsenglaubens durch das Christentum. So heißt es bei der Beschreibung des Klosters:
Friedensboten, Himmelsschlüssel
Sprossen auf der jungen Aue
Und ein frohes Frühlingsahnen
Rauschte durch die Sachsengaue...

Kloster Corvey bei Höxter
Das Kernthema ist damit angeschlagen. Der Frieden steht im Zentrum der christlichen Lehre, Wachstum kann es nur geben, ein neuer Frühling der Menschheit nur anbrechen, wo Frieden und Toleranz herrschen. Aber noch immer schwelt der tiefgreifende Konflikt zwischen den fränkischen Eroberern und den Sachsen, denen der Schreckenstag von Verden noch schmerzlich vor Augen steht. Privat spiegelt er sich in der unglücklichen Liebe zwischen Hildegunde, der Tochter des fränkischen Grafen und dem jungen Sachsen Elmar, der zusehends an der kriegerischen Ideologie Wodans zu zweifeln beginnt.

Er ahnt dunkel, dass die Zeit der sächsischen Götter um Wodan und Freya ihrem Ende entgegengeht. Die Franken aber scheinen gerade angesichts ihrer blutigen Missionierung wenig geeignet, den christlichen Geist überzeugend zu verbreiten. Die greise Seherin Swanahild weist auf den eklatanten Widerspruch zwischen dem kriegerischen Handeln der Eindringlinge und der christlichen Friedensbotschaft entlarvend hin.

Dreizehnlinden, das Kloster, bildet allein den eigentlichen christlichen Kontrapunkt zur friedlosen Zeit.
Der fränkisch-sächsische Konflikt entlädt sich mit voller Wucht, als Elmar von Gero, dem fränkischen Königsboten, falsch und voller Hinterlist der Brandstiftung beschuldigt und darauf vom Gaugrafen für vogelfrei erklärt wird. Gero, der Hildegunde für sich gewinnen will, ist der eigentliche Gegenspieler Elmars. Aus dem Hinterhalt schiesst er mit einem vergifteten Pfeil auf Elmar und verwundet ihn lebensgefährlich. Um sein Leben ringend findet der sächsische Heide, mehr leidender Hiob als epischer Held, im Kloster Dreizehnlinden Aufnahme.

So münden Konflikt und Konflikthandlung unausweichlich in eine Katastrophe. Der heimtückische, verleumderische Scheinchrist Gero ist zunächst Sieger über den unschuldigen, den Glauben seiner Väter anzweifelnden, Elmar.
Den eigentlichen Kern des Epos bildet Elmars Aufenthalt im Kloster. Jenseits von Haß und Gewalt gesundet er unter der Obhut des greisen Abtes und des Priors an Körper, Geist und Seele. Der Dichterarzt Weber behält hier eindrucksvoll den ganzen Menschen als Leib- Seeleneinheit im Auge: Swanahild, der Seherin, kommt die Aufgabe zu, mit ihrer Heilkunst Elmar als Naturwesen in seiner angestammten Umgebung, seiner Heimat, körperlich zu gesunden, den christlichen Mönchen aber ist es vorbehalten, die seelisch-geistige Erneuerung auf den Weg zu bringen. In Dreizehnlinden verbinden sich so Heidentum und Christentum in gegenseitiger Toleranz und Achtung zu einem Werk der gelebten chritlichen Liebe.

Erneut zieht der Frühling herauf, Elmar entsagt, vom Segen der Gewaltlosigkeit überzeugt, dem kriegerischen Glauben an Wodan und läßt sich taufen. Die Liebe zwischen ihm und der Fränkin Hildegunde erfüllt sich darauf während der Erntezeit.
Webers Friedensepos vollendet sich in ihrer Vereinigung.
Die objektiv überhöhende Versform entspricht der beispielhaft allgemeingültigen Aussage.
Im Titel erscheint nicht, wie im Epos eigentlich üblich, der Held, sondern das Zentrum der seelisch-geistigen Erneuerung.
(vgl. Winfried Freund, Friedrich Wilhelm Weber, Das literarische Profil einer Region, Paderborn 1989, S 19ff)
Im Projekt Gutenberg und in der Bücherquelle wurde unlängst der Gesamttext von "Dreizehnlinden" im Internet veröffentlicht.
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