Friedrich Wilhelm Weber 1813 - 1894
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Friedrich Wilhelm Webers  literarische Arbeiten entstanden ähnlich wie bei den im gleichen Jahrzehnt geborenen großen Realisten Gott­fried Keller und Theodor Storm neben einer mit grosser Sorgfalt wahrgenommenen Berufspraxis. Seine literarischen Anfänge finden wir in seiner Gymnasial- und Studienzeit. Die Dichtungen bis in die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts stehen noch im Zeichen der Nachahmung bekannter Vorbilder wie Ferdinand Freiligrath, Heinrich Heine  und vor allem Ludwig Uhland, dem Weber 1862 einen lyrischen Nachruf widmete (siehe unten).

Seinen  eigenen, akzentuiert lehrhaften Ton schlägt Weber erst in den Gedichten seit den fünfziger Jahren an. Dabei spielt sein Selbstverständnis, sich zuerst als Arzt und nie als Dichter im Hauptberuf gefühlt zu haben, eine wesentliche Rolle. Webers Gedichte, sind Ausdrucksformen sittli­cher Grundüberzeugungen. Sie  begleiten sein praktisches ärztlichen und sozialpolitisches Handeln in einer sich dramatisch ändernden Welt. Dichtung als zuerst  ästheti­sche Gestaltung lag ihm fern, sie  erwuchs aus seinem  Umgang mit seinen Mitmenschen und Patienten.  Sie wollte auf sie zurückwirken.


              


Für Weber  bilden körperliches und geistiges Wohlbefinden  eine untrennbare Einheit.

Immer wieder bringt der Dichterarzt seinen Lesern die heilende Medizin tätiger Nächstenliebe nahe,  er vermittelt geistigen Sinn in einer Zeit, in der Sinnleere - Viktor Frankl spricht von der noogenen Neurose - um sich greift. Geld und Macht regieren in der Zeit der frühen Industrialisierung die Welt. So ist es denn auch kaum verwunderlich, wenn es Versuchen Webers in liedhafter Lyrik gelegentlich an Überzeugungskraft mangelt.  Leicht strömende Empfin­dung und emp­findsame Musikalität  waren seinem reflektierenden, ernsten Wesen, das sich an den Pflichten des Alltags orientierte, eher fremd. Als praktizierender Arzt sah er sich täglich mit in den Notwendigkeiten des Lebens konfrontiert. Weber konnte ihnen nicht spielerisch,  ästhetisch, begegnen: Er blieb als Realist oftmals bei der direkt formulierten Anweisung für eine sinnvolle, moralisch  Lebenspraxis stehen.

Julius Schwering beschreibt das Wesen des  beliebten Arztes so: "Der Mensch in Weber erschien mir noch bedeutender als der Dichter."  Ähnlich ergeht es - soweit wir den Menschen überhaupt vom Dichter trennen können - wohl jedem, der sich in  seine Gedichte  vertieft. "So sehr wir uns an ihrem poetischen Reiz erfreuen, ebenso bezwingt uns das edle, kernige  Menschentum, das sich in ihnen  widerspiegelt",  beschreibt Wilhelm Limper seine Begegnung mit Webers Spruchdichtung. "Die reine Lyrik", so Schwering, "das schlanke Lied, das leicht und ungehemmt aus der Brust emporsteigt und mit wenigen dürftigen, verzitternden Klängen einen Chor von ahnungsvollen Stimmen in unserm Gemüt wachruft, ist nicht sein Gebiet. Webers Stärke beruht in der betrachtenden Lyrik, die bei ihm aber immer aus dem quellenreichen Strome tiefer Empfindung schöpft."

Bedenke,was du heute tust
Bedenk auch, was du morgen mußt;
Zumeist bedenke, deinem Leben
Durch Arbeit Kern und Halt zu geben
Ein Leben ohne Arbeit gilt
Nur was ein Rahmen ohne Bild.

Als  guter Arzt wußte Friedrich Wilhelm Weber natürlich um die Verbindung von Körper, Geist  und Seele. Täglich erfuhr er in seiner Praxis, dass notwendig der Körper leiden muss, wenn  Geist und Seele kein lohnendes Ziel vor sich haben, nichts, was sie formen und gestalten, nichts, an dem sie arbeiten und festhalten können. Sein fundamentaler Auftrag an den Menschen lautet sinnstiftende Arbeit.

In Friedrich Wilhelm Webers Spruchdichtung finden seine Leser so ein psychosomati­sches Heilprogramm.

Die Welt ist voller Gottessegen
Willst du ihn haben, er ist dein:
Du brauchst nur Hand und Fuß zu regen,
Du brauchst nur fromm und klug zu sein.

Sein schlichtes, sich im sozialen Dienst erfüllendes Ethos der Arbeit, setzt er einer Welt entgegen, die im Zuge der sozialen Umwälzungsprozesse der Indu­strialisierung sich zunehmend auf kapitalistische Irrwege begibt:

Was zögerst du zu kommen, Antichrist,
Da alle Welt nach Gold so hungrig ist?
Du hast das Erz zu stillen Lust und Gier:
Gib ihr dein Gold, die Welt ergibt sich dir.
Feil ist sie feil! Was säumst du? Steig herauf:
Du hast, solang sie steht, nicht bessren Kauf!
Feil ist das Recht, wohlfeil Altar und Thron;
Und wenn der Heiland jetzt auf Erden ginge,
Verriete mancher Bube Gottes Sohn
Für weniger als dreißig Silberlinge.

Der Schrei nach immer mehr Besitz und Geld erstickt fast  den leiseren Ruf nach Zuwendung und Wärme. Die Liebe zum Nächsten gilt weniger als das materielle Gut, Geld steht allemal höher im Kurs als der Mitmensch. Umdenken tut not. In seiner Spruchdichtung reflektiert Weber aus christlicher Sicht die sittlichen Möglichkeiten des Men­schen im Zeitalter der frühen Industrialisierung und die damit verbundenen Schwächen seiner Zeit. Das Ausdrucksspektrum in Webers Spruch­dichtung ist vielgestaltig und reicht vom direkt Normativen bis hin zum indirekt Satirischen.

Friedrich Wilhelm Webers epische Dichtung entsteht aus der Einbindung der sittlichen Lehre in veranschaulichende Handlungszusammenhäng oder aus  deren Verkehrungen. Sowohl in der der Ballade als auch im Epos ist die Bindung an den Vers hervorstechendes Merkmal.

Weber thematisiert in seinen Balladen und Gedichten immer wieder die vorbildliche Menschlichkeit, fussend auf einem christlichen Weltbild,  sowie ihre Gefährdung und Verletzung durch Macht und Gewalt. Er gründet auf die Hoffnung eines wachsen­den Einflusses der Humanität, die in seinen  Balladen immer wieder als konkrete Sehnsucht  spürbar wird. Webers Stilmittel sind die distanzierende Erzählhaltung sowie die häufige historische Einkleidung, die aus abstandnehmender Perspektive  die Gegen­wart  für den Leser durchschaubar zu machen.

Oft sind es  auf den ersten Blick eher banale Vorfälle, mit denen der Dichter die Menschlichkeit in einer alltäglichen Miniatur spiegelt.  Für Weber muss sich ein von Grund auf menschliches Verhalten im kleinsten Lebensausschnitt bewähren.

Um den gefährdenden und verletzenden Einfluß der Macht geht es bei Friedrich Wilhelm Weber immer dann, wenn seine Balladen in die Geschichte ausgreifen. Der  kleine Mann ist der Willkür  der anma­ßenden Herrschaft ausgesetzt, am Einzelschicksal tritt die Anmaßung herrschaft- licher Gewalt in ihrer ganzen  Unmenschlichkeit zutage.
In seinen Balladen spricht er die Sehnsucht nach dem Idealzu­stand unmittelbar aus, sie wachsen oftmals ins Mythisch-Sagenhafte.


                   



Deutlich fallen im kritischen Vergleich mit der Balladen- und Spruch­dichtung  die geistlichen Dichtun­gen Webers ab. Sie sind Auftragsarbeiten, die er nach der Veröffentlichung des "Erfolgs-Epos"  Dreizehnlinden nur mit gewissen Vorbehalten ausgeführt hat. Die Marienblumen (1885) ,  Das Vaterunser (1887) und Das Leiden unseres Heilandes (1892)  sind  gebunden an bildnerische sowie religiöse und konfessionelle Vorlagen. Das "Vaterunser", mit Stichen von Paul Thumann recht ausgestattet, wurde für  evangelische Christen mit Luthertexten, für die katholische Ausgabe mit Dichtungen von Weber angeboten.


                 


Webers geistlichen Dichtungen sind  Verse nicht ohne eine gewisse frömmelnde Süßlichkeit, die dem didaktischen Weberschen Stil nicht gerecht werden. So zieht denn auch zuerst die verschwenderische bildneri­sche Ausgestaltung der klassizistischen Prachtausgaben die  Aufmerksamkeit  auf sich. In aller Bescheidenheit ahnte Weber die  Diskrepanz  durchaus.    Mit Blick auf die "Marienblumen" schreibt er im Juni 1885: „... wie trübselig werden sich meine armen Reime unter all den bunten Blumen und Ranken, Schnörkeln und Arabes­ken ausnehmen, bleiche, lumpige Bettelkinder auf Mar­mortreppen."


                    


Friedrich Wilhelm Webers literarisches Schaffen hat unterschiedliche Ergebnisse gehabt, da in seinem gesamten Tun die ärztliche Hilfe unbedingte Priorität besaß und er seine poetischen "Erzeugnisse" eher als das Ergebnis einer Nebenbeschäftigung ansah. Ihm sind seine Gedichte nach eigenen Worten vielfach "von aussen zugefallen", ohne sich besonders um sie bemühen zu müssen. Sie sprangen ihm gleichsam wie "Funken vom Amboss."


Über eine Veröffentlichung seiner Dichtungen hat Friedrich Wilhelm Weber bis 1878 nicht nachgedacht und schrieb einzig für sich, quasie als Therapie seines immer währenden Wettstreits mit Leben und Tod, für seine Familie und seine Freunde. Erst nach dem ungeahnten Erfolg "Dreizehnlindens", der ihn über Nacht in die vordere Reihe der zeitgenössischen Dichter spülte, gab er 1892 seine Gedichte heraus. 2 Jahre nach seinem Tod erschienen seine "Herbstblätter" als Vermächtnis an seine Verehrer. Seine Tochter Elöisabeth und ihr Bruder Friedrich Wilhelm Weber jun. veröffentlichten die gesammelten Werke ihres Vaters in einer dreibändigen Gesamtausgabe. Durch die politischen Wirren der zwanziger Jahre verarmt, sah Elisabeth Weber in der Herausgabe weiterer Gedichtbände wie den Herrgottsblumen und Spruchweisheiten eine Möglichkeit, wirtschaftlich in schweren Zeiten zu überleben. Die zahlreichen Gedichte Webers sind für Wilhelm Limper ein Geschenk voller Lebensweisheit, das die Menschen unmittelbar anspricht. Er veröffentlicht Mitte der fünfziger Jahre einen Gedichtband im Verlag Regensburg in Münster. Johannes Heinemanns "Friedrich Wilhelm Weber  Gedichte, Eine Auswahl" gibt er 1976 den Weberfreunden an die Hand.


                     


                                     

 

Eine Reihe von Weber-Gedichten  wurden im Internet veröffentlicht.

Sie finden

- Am Amboss

- Beim Tode meines Bruders

- Der Handschuh

- Uhlands Tod

im Projekt Gutenberg,


- In der Winternacht

- Ein neues Jahr

im Gedichte-Garten,


- Am Amboss

- Uhlands Tod

in Lyrik - Welt,


- Spruchdichtungen

- Am Amboss

bei Otium,


- Christbaum

unter Weihnachtsgedichte.de.


                             


(vgl.: Winfried Freund, Friedrich Wilhelm Weber, Das literarische Profil einer Region, Paderborn 1989, S. 14 ff,  Wilhelm Limper, Friedrich Wilhelm Weber, Gedichte, Münster 1956, S.13f, Julius Schwering, Friedrich Wilhelm Weber, Sein Leben und seine Werke, Paderborn 1900)

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